Gebirgsflugeinweisung mit dem BW1

(Text & Bilder: Stefan Brehm)

Mit Sicherheit stellt Gebirgssegelfliegen eine besondere Herausforderung aber auch ein besonderes Flugerlebnis dar. “Mit Sicherheit” ist im Zusammenhang der Gebirgsfliegerei aber zweifach zu deuten. Denn ohne den Aspekt des sicheren Fliegens in den Bergen hat man eben da mit Sicherheit kein gutes Erlebnis.

Zur Steigerung meiner Flugsicherheit im Gebirge und zur Einweisung in die Eigenarten der Gebirgsfliegerei hatte ich die Ehre den Duo Discus “BW1 – Klaus Holighaus” vom 18. März bis 28. März zu erhalten. Eingewiesen wurde ich durch Michael Knoblauch und Carlo Schwer, erfahrene Fluglehrer des Sportfliegerclubs Ulm, die die Region Alpes de Haute Provence im Süden Frankreichs sehr gut kennen. Geflogen wurde vom Flugplatz Gap-Tallard aus, einem sehr schönen Platz in der Mitte der Französischen Seealpen.

Es ist unmöglich alle Eindrücke und Erfahrungen der von mir erlebten Gebirgsfliegerei in Worte zu fassen. Selbst Bilder können Emotionen nur kaum wiedergeben.

Daher möchte ich an dieser Stelle dem interessierten Leser nur einen kleinen Bericht der Gebirgsflugeinweisung bieten. Wichtiger erscheint mir dem Gebirgsfluginteressierten einen kurzen Abriss der wichtigsten Unterschiede zum Fliegen im Flachland aufzuzeigen.

Unser erster Flug führte uns in den sogenannten Parcour, eine Aufreihung mehrerer Gebirgszüge mit überwiegend West-Östlicher Ausrichtung. Die geflogenen Strecken waren unter drei-achtel Cumulusbedeckung überwiegend thermischer Art. Der Wind konnte nahezu vernachlässigt werden.

Die höchste Herausforderung lag allerdings darin den Luftraum noch mehr als sonst zu beobachten, denn offensichtlich hatten die wenigsten das FLARM-Pflicht-Update umgesetzt.

Lektion des Tages:

Zum ersten Mal erlebte ich das “Achten am Hang” live mit und konnte mich unter Anleitung darin üben. Als die beiden wichtigsten Punkte hatte ich für mich festgehalten, dass Fahrt und eine sehr gute Luftraumbeobachtung unabdingbar, wenn nicht sogar lebensnotwendig sind.

Von der Fliegerei im Flachland ist man gewohnt die Fahrt bei Steigen möglichst weit zurückzunehmen. Dies allerdings kann am Hang vor allem bei Wind einen fatalen Ausgang nehmen.

Philippe, der Betreiber der Glider-Lounge, ermahnt nach jedem Briefing zu:

1. Always (oder auch All Ways) look out of the Window! Womit er zur Luftraumbeobachtung auffordert.
2. Speed! Geschwindigkeit ist nur durch mehr Geschwindigkeit zu ersetzen.

Am zweiten Flugtag war die Basis durch den Einfluss feuchtwarmer Mittelmeerluft deutlich gesunken. Zudem nahm der Bedeckungsgrad auf circa sechs-achtel gegen Nachmittag zu.

Mir verschaffte dies eine weitere und ausgedehntere Lektion im Hangfliegen. Besondere Beachtung galt wegen der geringeren Arbeitshöhe dem Einflug in Täler und Senken. Im Flachland würde man sich nur in wenigen Gebieten derart Gedanken über etwaige Außenlandemöglichkeiten wie hier machen.

Daher lautet meine Lektion des Tages:

Die “Féderation Française de Vol à Voile”, der Französische Segelflugdachverband, erstellt und aktualisiert jährlich einen Außenlandekatalog. Man geht dort sogar soweit, dass in manchen Tälern Bauern, die statt ertragreichem Wein lediglich Weizen o.Ä. anbauen, finanziell entschädigt werden. Es ist also dringend zu empfehlen sich einen solchen Katalog zu besorgen. Das Geld ist sicherlich gut investiert. Außerdem stimmen die Nummern der Kataloglandefeldern mit den in den Fliegerkarten verzeichneten Nummern überein.

Der dritte Flugtag war zunehmend durch Warmluftadvektion geprägt. Bereits kurz nach Sonnenaufgang kam es an den sonnenbeschienen Hängen zu ersten Ablösungen, was im Verlauf des Vormittags zu starker Abschattung führte. Dennoch schienen die Hänge nicht zuletzt wegen des zunehmenden Windes gut zu tragen. Man brauchte jedoch Geduld bis man ein Augenmaß für die guten Stellen entwickelt hatte.

War man einmal oben unter der Basis merkte man das Fehlen der wärmenden Sonnenstrahlen sehr deutlich. Es war wirklich unangenehm kalt. Ich war froh, dass ich den Rat von Michael gefolgt bin und trotz der knappen 20 Grad Celsius am Start meine Skihose, Überjacke, Mütze und Überschuhe angezogen habe.

Genau hierauf bezieht sich auch die dritte Lektion:

Auch wenn man am Start in seinem eigenen Saft gart ist warme Kleidung unabdingbar. Am besten kleidet man sich in der Zwiebelschalenmethode, sodass man bei Bedarf Schicht um Schicht dazu nehmen oder ablegen kann.

Da sich das Genua-Tief, welches am Vortag noch für Advektion gesorgt hatte zunehmend in östlicher Richtung verlagerte und sich gleichzeitig ein wetterbestimmendes Hoch über der Atlantikküste platzierte, kündigte sich der Mistral an.

Dies führte in Verbindung mit der alten Warmluft vom Vortag zu einer schwer interpretierbaren Wetterlage. Die Arbeitshöhe stieg nur langsam gegen 2000 Meter MSL. Die Hänge trugen vermutlich wegen des geringen Gradienten kaum. Die wenigen Stellen, an welchen es gut ging waren durch eine Unzahl von anderen Segelflugzeugen gekennzeichnet. Im Tagesverlauf nahm der Nordwind zu, was zu Lee-Thermik führte.

Die Windsysteme in den Tälern wurden für mich immer weniger einschätzbar.

Schließlich lernte ich ein – wie Michi im Nachhinein sagte “gscheides Lee” – kennen. knappe 8 Meter sinken trugen uns von hart erarbeiteten 1800 Metern in kürzester Zeit und unausweichlich auf 900 Meter MSL (noch 400 m AGL). Jetzt erwies sich Michis akribisches Kartenstudium und seine Erfahrung in dieser Gebirgsregion als Gold wert. Ihm war sofort klar, dass er beim ausgleiten im Lee in Richtung eines Außenlandefeldes getragen wird. Daneben hatte er zwei weitere Außenlandemöglichkeiten und die Rückkehr zum Platz ins Auge gefasst. Letzten Endes fanden wir beim Abfliegen unseres Außenlandefeldes einen recht guten Bart, welcher uns weitere Handlungsmöglichkeiten eröffnete. Am Ende schafften wir es zurück zum Platz zu gleiten.

Meine Lektionen des vierten Tages lautet daher:

Im Gebirge reicht der “Plan B” nicht aus. Man braucht immer einen Plan C und am besten einen Plan D. Man sollte immer eine “Backup-Lösung” zur sofortigen Umsetzung in petto haben.

Ob man in ein Lee gerät oder nicht hängt bei auffrischendem Wind von wenigen Metern ab. Daher sollte man einen Hang mit überfahrt und unter einem Winkel der das umkehren erlaubt queren.

Der fünfte und leider auch letzte Flugtag war durch Starkwind gekennzeichnet. Der Mistral blies mit knappen 50 km/h über die Piste. Der Start war durch Böen bedingt etwas schwerfällig, obschon man die Arbeit der in Gap-Tallard heimischen Schlepppiloten hochachtungsvoll anerkennen muss.

Nach dem Abheben mit maximaler Schleppgeschwindigkeit und dem Durchfliegen des Lees am Hausberg klinkten wir wie üblich über dem Malaub aus. Da der Mistral im Durance-Tal mit Wellen einhergeht, versuchten wir der sehr guten Anleitung von Philippe zu folgen und den Einstieg in die Welle zu finden.

Wie angekündigt fanden wir dann auch Nord-Westlich von Tallard in knapp 2000 Metern MSL die Welle. Wir hatten bis FL 195 kein geringeres Steigen als 2,5 m/s. Der Wind kam in 4500 MSL mit knapp 140 km/h aus 30 Grad.

Ich persönlich hatte mir den Rotor etwas ruppiger vorgestellt, wobei mir aber im Nachhinein berichtet wurde, dass dieser doch sehr harmlos war.

Die Welle selbst hatte ich mit genau so vorgestellt. Es war sehr ruhig, man stieg indem man sich einfach gegen den Wind drehte und den Groundspeed auf fast null zurück nahm. Lediglich die Ausmaße hatte ich mir anders vorgestellt, ich dachte eine Welle sei räumlich wesentlich begrenzter.

Fazit des letzten Tages:

Fliegen in der Welle hatte meinen Exkurs im Gebirgssegelfliegen abgerundet. Man sollte allerdings die Leewirkung nicht unterschätzen. Denn wenn man wie uns geschehen in das Fallgebiet der Welle einfliegt, sind Sinkwerte von 10 m/s durchaus realistisch.

Wegen des in aller Regel turbulenten Rotors sollte man sich rechtzeitig fest anschnallen und alles, was im Flugzeug lose umherfliegen kann sicher verstauen.

Zuletzt sollte man nicht vergessen die Sauerstoffanlage bereits vor Flugbegin einsatzbereit zu machen und beim Steigen in der Welle vor lauter Faszination die Einnahme von Sauerstoff nicht vergessen.

Gesamtfazit:

Gebirgsfliegen will gelernt sein. Daher ist eine fachkundige Einweisung unabdingbar und schafft Handlungssicherheit. Prinzipiell sind die Gedankengänge beim Fliegen im Gebirge die gleichen wie im Flachland, ich hatte allerdings den Eindruck, dass die Anzahl der Entscheidungen und der Einflussnahmen auf das Fluggeschehen pro Zeiteinheit wesentlich größer als im Flachland sind.

Abschließend möchte ich mich daher für dieses unvergessliche und enorm lehrreiche Flugerlebnis bedanken:

Bei Michael für die lehrreiche Einweisung und die tollen Flüge

Beim Förderverein für Strecken und Wettbewerbssegelflug für die Bereitstellung des Duo’s

Bei Heiko Schwenk der uns bei Fragen zum LX-Zeus geholfen hatte

Bei Dörte Starsinski, Georg und Thomas Unseld, Carlo Schwer, Uli Rentschler und Andreas Jasbinschek für die tolle gemeinsame Zeit in Gap-Tallard.

Ohne das Zutun aller wären diese Flüge nicht möglich gewesen! Danke!